Die erste Aufgabe:
„Entwickeln Sie uns ein neues, moderneres und zeitgemäßes Erscheinungsbild, das unsere innere Transformation und zunehmende Öffnung in die Öffentlichkeit
mittels Hotelneubau, Museum, Café usw. widerspiegelt.“
Die zweite Aufgabe:
„Konzipieren und Planen Sie unser Museum.“
Der Hintergrund:
Diese Konfrontationsbereitschaft mit der Wirklichkeit kommt nicht von ungefähr: Die Schwesternschaft überaltert, der Nachwuchs fehlt, die Kongregation schrumpft,
die einstigen karitativen Aufgaben (Pflege, Sozialpädagogik, Hauswirtschaftsschulen, usw.) haben längst andere Trägerschaften übernommen, die Klostergebäude stehen leer,
zudem überschritt 2024 die Zahl der Konfessionslosen durch satt 6-stellige Kirchenaustritte erstmals die 50 Prozent-Marke. Und kein Ende in Sicht.
Kurz: höchste Zeit für Arbeit am Corporate Charisma.
Rechtzeitig fertig für den Besuch der 2023 amtierenden baden-württembergische Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen, Nicole Razavi: das neue CD der Kongregation, umgesetzt auf einer temporären Informations-Installation im Foyer des Mutterhauses.
Vier Themen-Kuben geben Klosterbesuchern angesichts der auf dem Gelände sichtbaren Baumaßnahmen Auskunft zur Geschichte, den Raumnutzungskonzepten, der Transformation und dem Wirken der Kongregation.
Holpriger Anfang
Die vorausgegangene Beauftragung eines Innenarchitekturbüros stockte – auch aufgrund des Schwesternwillens,
vordringlich die eigene Geschichte zu erzählen, verbunden mit einer missionarischen Intention.
Doch die eigentliche Story dahinter ist deutlich größer – die Generaloberin sah einen
weit aus größeren Kontext.
Mit ihm könnte das Museum über Gengenbach hinaus relevant für Interessierte sogar aus ganz Europa werden.
Neues Konzept
Wir griffen die Absicht der Generaloberin auf und erweiterten das Konzept um die übergreifende Sicht auf die massenweisen Gründungen von
Schwesterngemeinschaften im 19. Jahrhundert und deren – heute weitgehend unbeachteten – Auswirkungen auf
das heutige Sozialstaatsverständnis, die Rolle der Frau, das heutige Ausbildungssystem und die neuere Kirchengeschichte.
Diese Effekte sind in der (Fach-)Literatur ausführlich dokumentiert, doch ein veranschaulichendes Museum gibt es dazu bisher nicht.
15 kleine Zimmerchen
Die durch Denkmalschutz unveränderlichen Zimmer mit im Schnitt 16 qm
erlauben keine klassisch großräumige Inszenierung mit einer fließenden Themendramaturgie.
Die Themenfolge wird physisch abrupt getaktet durch die vorgegebenen Abfolge weitgehend größenidentischer, durch einen Mittelgang voneinander getrennter Kammern.
Keine musealen Exponate
Die Haltung von Franziskanerinnen zu Besitz und Gütern ist geprägt von freiwilliger Armut (Tugend der Demut), um frei für Gott und die Nächstenliebe zu sein.
Dinge von besonderem Wert, hohem Alter oder großer Seltenheit (klassische Museumsexponate) besitzen sie nicht. Eher Alltägliches.
Mitte des 19. Jahrhunderts engagierten sich viele Frauen angesichts der sozialen Nöte aus der Industrialisierung in von Pfarrern geleiteten Schwesterngemeinschaften. Wie Pilze schossen die Kongregationsgründungen aus dem Boden und erlaubten Frauen das staatlich Verbotene: Arbeit und Bildung. Vom Staat bekämpft (Kulturkampf, NS-Zeit) und von der Kirche nur zögerlich geduldet, bildeten sie ein Bollwerk gegen die Not vorwiegend in der Kranken- und Altenpflege sowie der Kinderbetreuung.
Somit sind sie – wenngleich von der Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen – Wegbereiterinnen unseres heutigen caritativen Sozialstaates, des aktuellen Ausbildungssystems, der Frauenbewegung und Emanzipation, sowie der neueren Kirchengeschichte. Also ein gutes Thema für ein Museum.
Leider nein.
Die Schwestern haben das Projekt nach über 2 Jahren Planung, redaktioneller Aufarbeitung und Werkplan-Reife kurz vor Beginn der Bauten, sechs Monate vor Eröffnung, gestoppt.
Klosterinterne Richtungsdiskussionen verstärkten die Sorge,
die Realisation würde ihre eigene Gengenbacher Kongregations-Identität und Geschichtsdarstellung sowie ihre franziskanisch-missionarische Intention an den Rand drängen.
Das Hotel und Café haben ohne ein Museum eröffnet.
Zu wenig der Geist des Hauses
Uns als Konzept-, Redaktions- und Planungsagentur gelang es entgegen aller prozessbegleitenden Einvernehmen und Gefallen
letztlich (überraschenderweise) nicht, den Schwestern-Wunsch nach öffentlicher Anerkennung ihres Wirkens mit ihren Vorstellungen von sich selbst und der Welt
so harmonisch in einem Bild zu vereinen, um daraus auch einem weltlichen Laienpublikum einen neuen Zugang anzubieten und
ein zugleich gesellschaftlich relevantes Museum zu bauen.
Es hat aber trotzdem höllisch Spaß gemacht!